Das Neue Stadtmuseum verfügt über einen größeren Bestand von Ansichten Landsbergs, die architektonische und soziale Momentaufnahmen in die Vergangenheit ermöglichen und Orientierungshilfen für ein verantwortungsbewusstes, heutiges Gestalten des Stadtbildes geben. Obwohl das Ölgemälde(103 x 126 cm) „Hauptplatz in Landsberg“ von dem englischen Maler Henry Somers Kortright keine Jahreszahl aufweist, kann man davon ausgehen, dass das Bild wohl noch vor der Jahrhundertwende entstanden ist.
Der originale Rahmen wurde vermutlich in der Werkstatt Hubert von Herkomers gefertigt. Henry Somers Kortright wurde am 6. Juli 1870 in Southampton geboren und starb am 25. April 1942 in Bexhill-on-Sea, wo er die meiste Zeit gelebt hatte. Kortright, ein Schüler Hubert von Herkomers, war Landschafts-, Genre- und Bildnismaler und wurde Mitglied der Royal Academy. Wie auch andere Herkomerstudenten besuchte Kortright Landsberg und wählte als Motiv eine Ansicht des Hauptplatzes.
Der Betrachter des Bildes steht etwa vor dem Rathaus und blickt auf den Marienbrunnen und das Schmalztor. Es scheint gerade Wochenmarkt zu sein, denn man erkennt an der Nordseite des Platzes, wo in der Regel Marktstände standen, eine Menschenansammlung. Im Vordergrund suchen Tauben zwischen den Lechkieseln nach Futter. Ein Mann mit langer Hose, aufgekrempelten Hemdsärmeln und Hut sitzt auf einer Schubkarre, die er vor dem Brunnen abgestellt hat. Er unterhält sich mit einer jungen Frau, die sich gegen das Becken des Marienbrunnens lehnt und sich ihm in neckischer Pose zuwendet.
Ihren gebeugten, leicht verdrehten Oberkörper und den Kopf stützt sie mit dem Ellbogen am Brunnenrand ab, den linken angewinkelten Arm stemmt sie in die Hüfte. Neben ihr auf dem Beckenrand steht ein Holzgefäß. Ein Kind spielt auf der anderen Seite des Brunnens mit dem Wasser. Hinter dem Schubkarren erkennt man drei Personen, die auf den Stufen der Brunnentreppe sitzen und dem Gespräch des Paares zuhören. Dahinter ziehen Ochsen einen Planwagen zum Schmalztor hinauf, gegenüber vor den Marktständen steht ein Pferdegespann. Das Bild zeigt den Hauptplatz in einer morgentlichen Stimmung eines schön werdenden Tages. Leichte Schleierwolken werden von der Sonne erhellt und tauchen den Hauptplatz in ein fahles noch schattenarmes Licht. Die Dächer der Altstadthäuser und die Gebäude des Schlossbergs werden von den frühen Sonnenstrahlen erleuchtet.
Die Farbigkeit des Gemäldes wurde dezent zurückgenommen, ein warmes, fein abgestuftes Kolorit dominiert. Kortright gibt den Hauptplatz realistisch wieder und beobachtet die kleinen Szenen und das Treiben auf dem Hauptplatz sehr genau. Das Bild strahlt Ruhe und Beschaulichkeit aus und lädt zum Verweilen ein. Nichts ist zu spüren von der Hektik der heutigen Zeit, wo täglich tausende von Kraftfahrzeugen für Lärm und Gestank sorgen und der Fußgänger an den äußersten Rand des Platzes gequetscht wird. Das Ensemble des Hauptplatzes ist stadtplanerisch ein Gesamtkunstwerk, das leider heute im täglichen Verkehrschaos verkommt und zum Parkplatz degradiert wird. Das Bild verdeutlicht wie schön es wäre, den Fußgängern einen größeren Teil des Platzes zurückzugeben.
Das Gemälde wurde 1994 von der Kreishandwerkerschaft und dem Rotary Club Landsberg erworben und dem Neuen Stadtmuseum gespendet.
Dr. Hans-Jürgen Tzschaschel